Pensionierung aufschieben: mit Freude weiterarbeiten nach 65

Teamfoto mit Mitarbeitenden aus verschiedenen Generationen

Pensionierung aufschieben: mit Freude weiterarbeiten nach 65

Wir werden immer älter, die Schweizer Altersvorsorge ist in Schieflage – doch länger arbeiten will niemand. Stimmt das? Welche Vorteile hat es, ältere Mitarbeitende zu beschäftigen? Und lohnt es sich überhaupt, nach der Pensionierung weiterzuarbeiten?
Jedes Jahr gehen zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer in den Ruhestand. Rentner und Rentnerinnen machen einen zunehmend grösseren Anteil der Bevölkerung aus. Gleichzeitig rücken weniger Junge nach, die in die Arbeitswelt eintreten. Gemäss Prognosen der UBS werden auf dem Schweizer Markt bis ins Jahr 2030 eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen. Länger und über das Pensionierungsalter hinaus zu arbeiten, scheint die Lösung gegen den demografisch bedingten Fachkräftemangel zu sein. Doch sind die Arbeitnehmenden überhaupt gewillt, länger im Arbeitsleben zu bleiben?

Viele wollen, aber nur wenige können

40 Prozent der 2019 in einer Studie von Deloitte befragten 50- bis 64-Jährigen möchten über die Pensionierung hinaus arbeiten. Ein ähnliches Bild zeigte sich bei den bereits pensionierten Personen: 30 Prozent von ihnen hätten weitergearbeitet, wenn sie die Möglichkeit gehabt hätten. Doch wie sieht die Realität aus? Nur 20 Prozent der 65- bis 74-Jährigen sind in der Schweiz noch erwerbstätig – das sind etwa 180’000 Menschen. Etwas mehr als die Hälfte davon arbeitet in einem Pensum von weniger als 50 Prozent. Dies besagt ein Artikel des Beobachters, der die Gründe darin sieht, dass der Staat zu wenig Anreize zum Weiterarbeiten schafft.

«Menschen, die freiwillig arbeiten, sind hoch motiviert»

Ältere Arbeitnehmende bringen Vorteile mit. Davon ist Anna Fankhauser, HR-Verantwortliche bei B+S Ingenieure und Planer, überzeugt. Die Firma beschäftigt aktuell zehn Personen, die über das Pensionierungsalter hinaus arbeiten. «Für uns ist es sehr wertvoll, dass Erfahrungswissen an jüngere Mitarbeitende weitergegeben wird. Nur so können wir sicherstellen, dass genügend qualifizierte Fachkräfte nachrücken.» Bei B+S kann jeder Mitarbeitende bis 70 weiterarbeiten – in einem Pensum, das für ihn passt. Das Modell funktioniere auf Vertrauensbasis und sei rentabel für beide Seiten.

Anna Fankhauser ist dagegen, das ordentliche Rentenalter zu erhöhen. Sie baut auf Freiwilligkeit und Flexibilität: «Menschen, die freiwillig arbeiten, sind hoch motiviert.» Es sei für Menschen wichtig, sich wertgeschätzt zu fühlen. Der Austritt aus dem Arbeitsleben sei für viele – insbesondere Kadermitarbeitende – schwierig. Ein flexibler, schrittweiser Übergang erleichtere oft den Weg in die Pensionierung.

Gemäss der aktuellen Neurentnerstatistik des Bundesamts für Statistik sagten rund 54 Prozent der Frauen zwischen 64 und 69 Jahren sowie 61 Prozent der Männer zwischen 65 und 71, dass sie aus Freude an der Arbeit weiterhin berufstätig seien. Nur 20 Prozent der befragten Personen arbeiten aus finanziellen Gründen nach der Pensionierung weiter.

Für uns ist es sehr wertvoll, dass Erfahrungswissen an jüngere Mitarbeitende weitergegeben wird. Nur so können wir sicherstellen, dass genügend qualifizierte Fachkräfte nachrücken.


Anna Fankhauser, HR-Verantwortliche bei B+S Ingenieure und Planer

Flexibilität, soziale Kontakte und geistige Stimulation

Hans Ulrich Kaufmann (68), Michael Keller* (72) und Werner Althaus (75) sind immer noch berufstätig. Während Hans Ulrich Kaufmann auf Stundenbasis in einem 25-Prozent-Pensum angestellt ist, ist Michael Keller* zu 100 Prozent als Freischaffender für ein Unternehmen tätig. Werner Althaus ist selbstständig erwerbend und arbeitet zurzeit etwa 40 Prozent. Wir haben mit ihnen über Vorteile, Motivation und Anreize zum Weiterarbeiten gesprochen.

Was motiviert Sie, weiterhin zu arbeiten?

Hans Ulrich Kaufmann: Für mich ist zentral, dass ich weiterhin soziale Kontakte in der Berufswelt pflegen kann. Ich schätze den Austausch mit den Team-Mitgliedern und die Möglichkeit, spannende fachliche Fragen zu bearbeiten. Die Teilzeittätigkeit ermöglicht mir einen stufenweisen Rückzug ins Privatleben sowie eine gute Vereinbarkeit von beruflicher Tätigkeit und Familie beziehungsweise Freizeit.

Michael Keller: Wer rastet, der rostet. Mich motiviert es, eine Tätigkeit auszuüben, die mich geistig frisch hält. Meine Arbeit als Metallhändler fasziniert mich nach wie vor, mit all ihren Facetten und dem breiten fachlichen Spektrum. Es ist mir wichtig, dass ich weiterhin viele Kontakte pflegen kann. Noch heute entwickle ich mich durch meine Arbeit laufend weiter und bleibe daher nicht stehen.

Werner Althaus: Als Pensionierter ist es wichtig, eine gute Tagesstruktur zu haben – meine Arbeit unterstützt dies. So bleibe ich gesund und habe meine Erfolgserlebnisse. Der Übergang von einer 100-Prozent-Tätigkeit zum Nichtstun hat bei mir nie stattgefunden. Heute habe ich viel mehr Freiheiten: Ich kann mir meine Mandate selbst aussuchen, eine Tätigkeit ausüben, die anderen einen Mehrwert bietet, und bleibe dabei fachlich auf der Höhe.

Lohnt es sich finanziell, über die Pensionierung hinaus zu arbeiten?

Hans Ulrich Kaufmann: Die Optimierung der finanziellen Situation stand für mich nicht im Zentrum. Ich erhalte eine Altersrente, mir geht es finanziell gut. Beiträge in die AHV zahle ich aber weiterhin ein, ohne etwas davon zu erhalten. Steuerlich hätte es vielleicht bessere Optionen gegeben: Meine Rente kumuliert sich nämlich mit dem zusätzlichen Einkommen. Es wäre wünschenswert, wenn der Staat die Berufstätigkeit nach dem ordentlichen Rücktrittsalter fördern und honorieren würde.

Michael Keller: Dass ich noch ein paar Franken verdiene, ist sicher ein Vorteil und ermöglicht es mir, meine Hobbys wie Sport und Reisen weiterzuführen. Die Steuerbelastung ist jedoch ziemlich hoch, was mir bewusst war – ich muss ja auch meine Rente versteuern. Überrascht hat mich allerdings, dass ich weiterhin AHV-Beiträge leisten muss, obwohl ich mein Leben lang einbezahlt habe, wie alle anderen auch. Wer weiterarbeitet, wird also finanziell bestraft. Das finde ich nicht richtig. Unter dem Strich lohnt es sich für mich trotzdem, sonst würde ich nicht mehr arbeiten.

Werner Althaus: Ich gehe davon aus, dass man nicht aus finanziellen Gründen weiterarbeiten muss, sondern es freiwillig tut. Für mich stehen finanzielle Aspekte nicht im Vordergrund. Ich zahle mehr in die AHV ein, als ich in Form der Rente erhalte. Aber ich wollte die AHV auch nicht aufschieben: Wenn ich schon einbezahlt habe, möchte ich die Rente auch beziehen. Steuerliche Überlegungen sind für mich nicht relevant, wenn es darum geht, ob ich weiterarbeite oder nicht.

War es einfach, eine Beschäftigung über das Pensionsalter hinaus zu finden?

Hans Ulrich Kaufmann: Mit 60 habe ich mich frühpensionieren lassen, jedoch ohne die Absicht, ganz mit dem Arbeiten aufzuhören. Ich hatte bereits eine neue Stelle in Aussicht und war dort auch ein gutes Jahr beschäftigt. Dann bekam ich eine Anfrage der Sammelstiftung Vita. Diese brauchte damals auf einem sehr spezifischen Fachgebiet Unterstützung und ich wurde von zwei ehemaligen Arbeitskollegen empfohlen. Ich habe also nicht aktiv gesucht, doch das Angebot passte gut vom Zeitpunkt her, da das andere Projekt fast abgeschlossen war.

Michael Keller: Ich habe noch drei Jahre über das ordentliche Pensionsalter hinaus gearbeitet – bei meinem Arbeitgeber, für den ich während 25 Jahren tätig war. Dank meines grossen Netzwerks, das ich über viele Jahre aufgebaut hatte, bekam ich diverse Angebote, weiterzuarbeiten. Meine Tätigkeit ist aufgrund von Vorfinanzierung sehr kapitalgebunden. Daher wählte ich die Variante, mich als Freischaffender an eine Unternehmung anzubinden, die diese Vorfinanzierung gewährleisten konnte. Geholfen hat mir sicherlich, dass ich mich immer für Technik, Forschung, Neuentwicklungen und Trends in der Industrie interessiert habe. So habe ich mir breite Produkt- und Branchenkenntnisse angeeignet.

Werner Althaus: Ich hatte Glück. 30 Jahre lang war ich in leitenden Positionen bei zwei Banken tätig. Im Alter von 55 Jahren bot sich mir die Möglichkeit, mich mit derselben Tätigkeit – der Finanzierung von Firmen – selbstständig zu machen. Mit 65 war ich in diverse Mandate eingebunden und eine Pensionierung im klassischen Sinn hat nie stattgefunden. In den ersten Jahren habe ich etwa 80 bis 90 Prozent weitergearbeitet, jetzt sind es noch circa 40 Prozent.

Was denken Umfeld und Familie über das Weiterarbeiten?

Hans Ulrich Kaufmann: Meine Familie und mein Bekanntenkreis finden es positiv, dass ich weiterhin eine herausfordernde Tätigkeit ausüben kann. Ich bin aber nicht der Einzige in meinem Freundeskreis. Mehrere Kollegen, die ich meist seit der Studienzeit kenne, sind noch über das ordentliche Pensionierungsalter hinaus arbeitstätig. Meist in einem Teilzeitpensum.

Michael Keller: Als ich 68 Jahre alt wurde und mich neu orientierte, sagte meine Frau zu mir, sie bewundere mich, dass ich weiterarbeite. Das war für mich ein grosser Motivationsschub. Auch meine Tochter und mein Sohn stehen hinter mir. Meine Frau und ich machen gerne eine oder zwei Reisen pro Jahr, das ist problemlos möglich – ich habe ja Ferien und kann mir als Freischaffender meine Arbeit flexibel einteilen. Was mein Umfeld anbelangt: Jeder kann denken, was er will. Es steht auch jedem frei, die Tätigkeit auszuüben, die ihm Spass macht.

Werner Althaus: Ich bin in der glücklichen Situation, dass meine Frau eine ähnliche Haltung hat und ebenfalls weiterarbeitet. Sie hatte damals mit den Kindern wenig Zeit, sich beruflich weiterzuentwickeln und holt dies nun nach. So geniessen wir unseren Feierabend zusammen – mit der Freiheit, dass die Kinder aus dem Haus sind. Der Rest der Familie unterstützt uns und freut sich, dass wir noch eine Aufgabe haben.

Wie lange wollen Sie noch arbeiten? Und was halten Sie von einer generellen Erhöhung des ordentlichen Rentenalters?

Hans Ulrich Kaufmann: Ich habe kein bestimmtes Enddatum meiner beruflichen Tätigkeit vorgesehen. Das hängt davon ab, ob es für mich und meinen Arbeitgeber weiterhin passt. Eine generelle Erhöhung des Rentenalters wird zur Stabilisierung des Vorsorgesystems unumgänglich sein. Es sollten aber auch Anreize geschaffen werden, um die berufliche Tätigkeit über das ordentliche Pensionsalter hinaus aktiv zu fördern und flexibel zu gestalten. Der Staat müsste ein Interesse daran haben, das Weiterarbeiten nicht zu bestrafen.

Michael Keller: Das kann ich aktuell nicht sagen. Gewiss muss ich weiterhin Spass an der Arbeit haben und die Gesundheit muss es mir erlauben. Ein Teilzeitpensum war nie ein Thema, da meine Tätigkeit eine 100-prozentige Präsenz verlangt. Eine schrittweise Reduktion ist allenfalls später eine Option. Das Rentenalter sollte man auf jeden Fall erhöhen beziehungsweise fliessend und individuell gestalten und nicht fix bei 65 Jahren festlegen.

Werner Althaus: Ich arbeite solange weiter, wie ich das Gefühl habe, dass ich meinen Kunden einen Mehrwert biete. Ein Grund, weshalb ich mein Pensum reduziert habe, ist die rasante Entwicklung in meinem Fachgebiet. Ich führe aktuell noch einige langjährige Projekte weiter, die sich langsam dem Ende zuneigen. Das beschäftigt mich noch etwa 40 Prozent bis nächstes Jahr, dann werde ich das Pensum weiter reduzieren. Das Rentenalter sollte nicht generell erhöht, sondern flexibler gestaltet werden. Wer körperlich schwer arbeitet und erschöpft ist, soll rechtzeitig in Pension gehen können. Jeder soll selbst entscheiden können, was für ihn stimmt.

Was für Tipps können Sie jemandem geben, der nach der Pensionierung weiterarbeiten möchte?

Hans Ulrich Kaufmann: Sehr wichtig ist es, aktiv ein berufliches Netzwerk zu pflegen und Kontakte am Leben zu halten. Es braucht Mut, etwas Neues anzupacken, und Freude an der Zusammenarbeit mit jungen Menschen. Auch sollte man Interesse an neuen Tools und Prozessen mitbringen sowie die Bereitschaft für Weiterbildungen. Und ganz wichtig: Man sollte offen sein für Veränderungen im persönlichen Arbeitsumfeld. Es braucht eine Bereitschaft, die neue Rolle anzunehmen. Es macht mir Freude, mich auf rein fachliche Fragen konzentrieren zu können, ohne – wie früher – zusätzlich eine grosse und belastende Personalverantwortung wahrnehmen zu müssen.

Michael Keller: Wenn man sich erst im Rentenalter fürs Weiterarbeiten interessiert, dann ist dies viel zu spät. Mein Tipp ist, wissenshungrig zu sein, sich das Leben lang weiterzubilden, zu versuchen, mit Neuentwicklungen Schritt zu halten, und viel zu lesen. Dies alles gibt einem die Möglichkeit, auch nach 65 noch eine interessante Tätigkeit ausüben zu können.

Werner Althaus: Selbstständig Erwerbende haben es leichter, wenn sie weiterarbeiten wollen. Die Gefahr besteht eher darin, dass der Zeitpunkt der Übergabe zu lange hinausgezögert wird. Gerade Geschäftsführer von KMU haben oft Mühe loszulassen. Entscheidet man sich, mit dem Arbeiten aufzuhören, ist es zentral, sich frühzeitig Gedanken zu machen. Wichtig ist, dass man weiterhin eine sinnvolle Tätigkeit ausüben kann und nicht «Opfer der Pensionierung» wird.

*Name geändert

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