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Unsere nächste Schweiz – 26 Kantone im demografischen Vergleich

Die Schweiz altert – bis 2050 wird es weniger Kinder geben und dafür mehr alte Menschen. Allerdings gibt es zwischen den Kantonen grosse Unterschiede, wie stark diese Effekte zum Tragen kommen.
Ein Junge lächelt neben einem Mann und einem älteren Mann, die im Hintergrund stehen.

Der demografische Wandel der Schweiz mit ihren derzeit 9,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern prägt nicht nur das Land als Ganzes – er hat auch Auswirkungen auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der 26 Kantone. Das nationale Muster deutlich zunehmender Altersgruppen ab 65 Jahren, schrumpfender arbeitsfähiger Bevölkerungsgruppen und abnehmender junger nachrückender Generationen ist bekannt und in den Medien präsent.

Doch lässt sich dieses Muster des demografischen Wandels automatisch auf die 26 Schweizer Kantone übertragen oder gibt es Unterschiede in der Dynamik des gesellschaftlichen Wandels? Bekanntlich unterscheiden sich die Kantone hinsichtlich:

  • Sprache – die Sprache und der Dialekt variieren von Kanton zu Kanton oder gar zwischen Regionen bzw. Landschaften;
  • Kultur – Kantone pflegen oft eigene kulturelle Werte, Traditionen und Bräuche;
  • Politik – jeder Kanton hat seine eigene Regierung, sein eigenes Parlament und seine eigene Verfassung;
  • Wirtschaft – Industrieschwerpunkte und deren Dynamik unterscheiden sich von Kanton zu Kanton;
  • Siedlungsform – es gibt urbane und ländliche Regionen sowie Bergkantone;
  • Religion – ihr unterschiedlicher Einfluss auf das familiäre und gesellschaftliche Leben.

Eine Analyse der 26 Kantone bis 2050 – basierend auf dem tiefen 2025er-Szenario des Bundesamts für Statistik (BFS) mit einer Geburtenhäufigkeit auf anhaltend niedrigem Niveau (1,25 Kinder pro Frau), nur moderat zunehmender Lebenserwartung (auf 86,5 Jahre bei Frauen bzw. auf 82,5 Jahre bei Männern) und geringen Wanderungssaldi (30’000 pro Jahr) – lässt kantonal unterschiedliche Muster des demografischen Wandels erkennen. Bewusst wurde dieses tiefe BFS-Szenario gewählt:

  1. eine Zunahme der Geburtenrate ist absehbar nicht zu erwarten,
  2. eine moderate Zuwanderung würde in keinem Fall zu einer gesellschaftlichen und infrastrukturellen Überforderung führen,
  3. ohnehin erforderliche Produktivitätssteigerungen in der Wirtschaft sind Anreiz, den absehbaren Arbeitskräftemangel abzufedern, und
  4. der Trend zu einem immer längeren Leben und damit der Alterung der Gesellschaft hält bis auf Weiteres an. Die Herausforderungen für Vorsorge und Beschäftigungsdauer/-modelle dauern an und machen einen Reformbedarf unumgänglich.

Die Wohnbevölkerung wächst – oder schrumpft

Schweizweit nimmt die Bevölkerung noch leicht zu. Auf kantonaler Ebene ist das Bild differenzierter: In 12 Kantonen wächst die Bevölkerung weiter, während sie in 14 Kantonen kontinuierlich abnimmt. Treiber von Bevölkerungswachstum ist immer die Erwerbsbevölkerung. Eine Abnahme hingegen ist getrieben durch eine Kombination von schrumpfender Erwerbsbevölkerung und der Altersgruppe der 0- bis 14-Jährigen.

Die Kinderzahl sinkt landesweit

In allen 26 Kantonen geht die Anzahl der Menschen in der Gruppe der 0- bis 14-Jährigen zurück, schweizweit um 15,5 Prozent. Am deutlichsten trifft es Schaffhausen (−38,4%), Graubünden (−30,4%) und Obwalden (−24,8%). Selbst in den wachstumsstarken Kantonen Genf und Luzern ist der Rückgang messbar (−4,3% bzw. −1,3%).

Die Erwerbsbevölkerung schrumpft in 17 von 26 Kantonen

Schweizweit sinkt die Altersgruppe der 15- bis 64-Jährigen nur leicht (−1,4%), doch hinter dieser Zahl verbirgt sich eine markante Variabilität: Während die arbeitsfähigen Altersgruppen in Luzern (+8,5%), St. Gallen (+5,1%) und Zürich und Waadt (+3%) infolge Zuwanderung wachsen, verlieren Schaffhausen (−16,9%), Tessin (−16,4%) und Neuenburg (−14,9%) massiv an Erwerbspersonen.

Die Gruppe der AHV-Rentnerinnen und -Rentner wächst um fast ein Drittel

Schweizweit nimmt die Gruppe der über 65-Jährigen in absoluten Zahlen um 31,6 Prozent zu – von 1,88 auf 2,47 Millionen. Ihr Bevölkerungsanteil klettert von 20,8 auf 26,5 Prozent – ein Zuwachs von 5,7 Prozentpunkten. Besonders ausgeprägt ist die Zunahme der Alterung in Freiburg (+47,2%), Thurgau (+46,6%) und Zug (+43,7%) – Kantone also, die heute noch demografisch vergleichsweise jung sind und den Babyboom-Pensionierungseffekt mit Verzögerung erleben.

Und die über 80-Jährigen haben den grössten Zuwachs

Während die Gruppe der über 80-Jährigen schweizweit um 57 Prozent wächst, verdoppelt sich die Zahl der über 80-Jährigen in mehreren Kantonen – Thurgau und Obwalden liegen beide bei +101 Prozent, Fribourg bei +98 Prozent. Selbst im moderatesten Fall (Basel-Stadt, +24%) übersteigt der Anteil der über 80-Jährigen das Wachstum der Gesamtbevölkerung (+4%) bei weitem. Der Bevölkerungsanteil der Betagten über 80 Jahren steigt national von 6,5 Prozent (2025) auf 10,2 Prozent (2050), im Tessin sogar auf 14,7 Prozent und in Nidwalden auf 14 Prozent.

Die Altersgruppe der Betagten hat einen entscheidenden Einfluss auf die Kosten für Gesundheit und Pflege: Die Pro-Kopf-Gesundheitskosten der über 80-Jährigen liegen in der Schweiz rund fünfmal höher als jene der 50- bis 64-Jährigen, und der Anteil pflegebedürftiger Personen steigt ab 80 Jahren steil an. Kantone, bei denen die Erwerbsbevölkerung schrumpft – Tessin, Schaffhausen, Graubünden – müssen also mit weniger steuerzahlenden Personen und potenziell weniger Pflegepersonal eine sich verdoppelnde Bevölkerungsgruppe Betagter finanzieren und versorgen.

Die Demografie der Schweiz ist also ein vielschichtiger Prozess des gesellschaftlichen Wandels. Basierend auf den sich abzeichnenden demografischen Entwicklungen lassen sich die Kantone einteilen in solche mit ausserordentlichen, mit starken und mit geringen Veränderungen der Wohnbevölkerung und der Bevölkerungsstruktur.

Herausforderungen durch die «Linse der Demografie» erkennen

Das Ausmass des «demografischen Druckes» auf die einzelnen Kantone in den kommenden 25 Jahren wird durch die Veränderungen der Erwerbsbevölkerung in Relation zur Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen offensichtlich.

Demografische Druckgrafik der Kantone für 2025-2050 mit Veränderungen der Altersgruppen.
Demografische Druckgrafik der Kantone für 2025-2050 mit Veränderungen der Altersgruppen.

Oberer linker Quadrant: Hier stehen Kantone, die gleichzeitig Erwerbsbevölkerung verlieren und überdurchschnittlich stark altern. Obwalden (−14% bei den 15- bis 64-Jährigen, +34% bei der Altersgruppe 65+) und Schwyz (−6% , +37%) fallen klar in diesen Bereich. Auch Zug liegt mit −2 Prozent bei den Erwerbstätigen und +44 Prozent bei der Altersgruppe 65+ am Rand dieses Quadranten – das dritthöchste Alterungstempo aller Kantone, bei gleichzeitig leicht schrumpfender Erwerbsbasis. Diese Kantone stehen unter doppeltem Druck: Eine stagnierende oder schrumpfende erwerbstätige Bevölkerung muss eine stark wachsende Zahl an Älteren mitfinanzieren und versorgen.

Oberer rechter Quadrant: In diesem Quadranten liegen Kantone, die stark altern, aber dank Zuwanderung ihre Erwerbsbevölkerung halten oder ausbauen können. Fribourg und Thurgau verzeichnen zum Beispiel jeweils rund 47 Prozent Wachstum bei der Altersgruppe 65+, stabilisieren aber die Anzahl der 15- bis 64-Jährigen. Luzern sticht heraus mit dem kräftigsten Erwerbswachstum aller Kantone (+8%) bei gleichzeitigen 41 Prozent Zuwachs an Rentnern. Auch Aargau (+43%) und St. Gallen (+43%) fallen in diesen Quadranten.

Unterer linker Quadrant: Hier finden sich Kantone, die Erwerbsbevölkerung verlieren, aber unterdurchschnittlich altern, beispielsweise Ticino (−16% bei den 15- bis 64-Jährigen, +26% bei der Altersgruppe 65+), Schaffhausen (−17%, +24%), Neuchâtel (−15%, +15%) und Graubünden (−15%, +23%). Auch Bern als zweitgrösster Kanton fällt in diesen Bereich: Die Erwerbsbevölkerung schrumpft um 10% bei einer moderaten Alterung von 17 Prozent. Diese Kantone verlieren ihre erwerbstätige Basis schnell, und der Altersquotient steigt trotzdem deutlich an. Basel-Stadt (+8% bei der Altersgruppe 65+, −9% bei den 15- bis 64-Jährigen) profitiert von seiner Grenzlage und den Pendlerströmen aus dem Ausland, was den Rückgang teilweise kompensiert. In den meisten dieser Kantone steigt der Altersquotient bis 2050 auf über 60 Personen im Rentenalter pro 100 Erwerbstätige. Neuchâtel ist die Ausnahme und wird mit einem Altersquotienten von 46 nah am Schweizer Durchschnitt (44) liegen.

Nahe am Schweizer Durchschnitt liegen Zürich und Genf: Zürich verzeichnet ein moderates Erwerbswachstum von 3 Prozent bei einer Alterung von 32 Prozent, Genf wächst bei den 15- bis 64-Jährigen um 2 Prozent bei ebenfalls 32 Prozent Alterung – beide Werte sind fast deckungsgleich mit dem nationalen Mittel. Auch Solothurn (+30% bei der Altersgruppe 65+, −5% bei den 15- bis 64-Jährigen) liegt nahe am Schnittpunkt der Referenzlinien.

Worauf braucht es Antworten und Lösungen?

  • Wie verändert sich das Lebensumfeld in einem Kanton, wenn sich die Bevölkerungsstruktur grundlegend verschiebt – weniger Kinder, weniger Erwerbstätige, deutlich mehr Ältere und Hochbetagte?
  • Sind die Kantone in der Lage, eine demografie-basierte Vision zu entwickeln – nicht als abstraktes Planungsdokument, sondern als konkrete Vorstellung davon, wie der jeweilige Kanton in 20 Jahren funktionieren soll?
  • Wie muss die Infrastruktur angepasst werden, wenn die Nachfrage nach Schulplätzen sinkt, der Bedarf an Pflegeeinrichtungen steigt und Spitäler eine deutlich ältere Bevölkerung versorgen müssen?
  • Welche (neuen) Beschäftigungsmöglichkeiten entstehen in einer alternden Gesellschaft, und wie lassen sich die Arbeitsmärkte so gestalten, dass sie sowohl für jüngere als auch für ältere Erwerbstätige ansprechend bleiben?
  • Wie können Kantone ihre Attraktivität besonders für junge Altersgruppen stärken, um den Zuzug zu fördern und die Abwanderung zu bremsen?
  • Welche öffentlichen und privaten Angebote braucht es in Zukunft häufiger, welche weniger – und wie gelingt ein Umbau, ohne dass Lücken entstehen?
  • Wie stellen staatliche Institutionen sicher, dass sie ihren Verpflichtungen auch dann nachkommen können, wenn sich Zahl und Struktur der Steuerpflichtigen ändern und die Zahl der Leistungsbeziehenden steigt?
  • Wie sichern sich Kantone und Gemeinden das erforderliche Steuersubstrat in einem Umfeld, in dem die Erwerbsbevölkerung in 14 von 26 Kantonen schrumpft?
  • Und was bedeutet all das für die individuelle Lebensplanung – für Entscheidungen über Wohnort, Vorsorge, Erwerbstätigkeit im Alter und die eigene Pflegesituation?

Die Fragen und die Antworten darauf sind anspruchsvoll

Die Demografie der Schweiz hat kantonale Besonderheiten und Eigenheiten – und diese gilt es zu verstehen und zu berücksichtigen.

Der nächste Schritt aufgrund dieser sich abzeichnenden Entwicklungen muss eine breite Diskussion in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sein – mit dem Ziel, Schritte zur Umsetzung anzustossen.

Mit fachlicher Unterstützung von

>Dr. med. Hans Groth, MBA

Dr. med. Hans Groth, MBA

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